Kooperation und Konkurrenz als evolutionäre Erfolgsfaktoren

Bei den Persönlichkeitspolen Kooperation vs. Konkurrenz steht das bevorzugte Sozialverhalten einer Person im Fokus. Man könnte auch sagen, es geht hier um die innere Grundtendenz, die die Interaktion mit anderen bestimmt. Der Strauß an Eigenschaften, die unter diesen beiden Sozialverhaltens-Gegensätzen in den verschiedenen Modellen genannt werden, ist recht breit. Zum einen finden wir das Begriffspaar „verträglich“ und „streitsüchtig“ („Verträglichkeit“ ist auch das entsprechende Pendant bei den Persönlichkeitsmerkmalen der „Big Five“). Zum anderen ist häufig vom Gegensatz zwischen „Nachgiebigkeit“ und „Dominanz“ die Rede.

 

Betrachten wir die Persönlichkeitsmerkmale auf dieser Interaktions-Achse differenzierter, finden wir auf der Verträglichkeits-Seite die tendenziell positiv assoziierten Attribute fürsorglich, loyal, friedfertig und gutmütig. Mit der Betonung des Strebens nach Harmonie rückt der Begriff der Nachgiebigkeit mehr in den Fokus. Dann schwingt eher die kritische Seite dieses Wesenszugs mit. Der Nachgiebige läuft Gefahr, sich ausnutzbar zu machen, insbesondere wenn seine äußere Bescheidenheit ins Unterwürfige tendiert. Überwiegend zeichnet sich dieser Pol der Interaktions-Achse auch durch Selbstkontrolle aus.

 

Der Streitsüchtige auf der anderen Seite gilt auch als reizbar, abweisend, barsch, kalt, aggressiv und wenig anpassungsfähig. Alles Attribute, die gesellschaftlich als wenig wünschenswert angesehen werden. Aber auch hier gibt es eine andere Seite dieses Wesenszugs. Jemandem mit einem starken Dominanzstreben und dem Willen zum Wettkampf wird unterstellt, dass er sich zu behaupten und Erfolge zu erringen weiß. Statt der Selbstkontrolle steht hier die Fremdkontrolle im Vordergrund.

 

All dies zeigt, dass bei der Beschreibung dieses Gegensatz-Paares mehr wertende Begriffe eine Rolle spielen als bei den anderen Dimensionen. Je nach Blickwinkel wird Verträglichkeit entweder im positiven Sinn mit loyal und friedfertig oder im negativen Sinn mit unterwürfig und ausnutzbar assoziiert. Demgegenüber wird Dominanz im Positiven mit Durchsetzungsfähigkeit und im Negativen mit Streit- und Kontrollsucht in Verbindung gebracht. Die Perspektive macht den Unterschied.

 

Versucht man den gemeinsamen Nenner zu finden, bietet es sich an, auf die Weltsicht zu schauen, mit der „verträgliche Nachgiebige“ einerseits und „dominante Streitsüchtige“ andererseits auf ihre Mitmenschen zugehen. Die einen begegnen uns nämlich eher vertrauensselig, während die anderen in der Regel misstrauisch sind. Daher scheint Vertrauen eine tendenziell kooperationsfördernde Grundeinstellung zu sein, während Misstrauen eher Konkurrenz und Reizbarkeit begünstigt.

 

Sowohl Konkurrenz als auch Kooperation waren evolutionär wichtige Eigenschaften für die Entwicklung des Menschen. Dominanz und Selbstbehauptungstrieb sind in unserer heutigen Gesellschaft immer noch - insbesondere berufliche - Erfolgsfaktoren. Auf der anderen Seite werden diese Eigenschaften für die Gestaltung von Sozialkontakten eher kritisch betrachtet. Wie bei den anderen drei Persönlichkeits-Dimensionen zuvor haben also auch hier beide Gegensatzpole ihren Sinn im menschlichen Dasein und wirken - individuell verschieden - als ambivalente Bedürfnisse.

 

Lache das Leben an, vielleicht lacht es zurück!

(Jean Paul)