Fühlen (Empfindungen und Gefühle als Wegweiser)

Wir fühlen, bevor wir denken können. Bereits im Mutterleib machen wir erste „Fühl-Erfahrungen“, die sich auf unser späteres Empfinden auswirken. Unsere Gefühle und Körperempfindungen sind von Anbeginn unseres Lebens Wegweiser zu dem, was wir brauchen. Hunger und Durst, Mangel an Schlaf, Wärme oder Zuwendung - werden unsere Bedürfnisse nicht beachtet bzw. befriedigt, empfinden wir Angst, Wut oder Trauer. Werden sie gestillt - insbesondere unser Bedürfnis nach Zuwendung und Nähe - freuen wir uns.

 

Wir können also schon sehr früh spüren, was wir brauchen, ohne dies in Gedanken und Worte fassen zu können. Damit vollzieht jeder von uns in seiner frühen persönlichen Entwicklung („Ontogenese“) die evolutionäre Entwicklung des Menschen nach („Phylogenese“). Am Anfang unseres Lebens ähneln wir also mit unseren bereits gut entwickelten Fähigkeiten zu fühlen und unseren noch rudimentären Fähigkeiten zu denken anderen höher entwickelten Säugetieren, mit denen wir unsere evolutionären Wurzeln teilen.

 

In den Unterpunkten zu diesem Abschnitt finden Sie noch mehr Informationen zu diesem wichtigen Teil unseres Menschseins (beginnend mit "Gefühle und Emotionen"). Im Folgenden geht es mir zunächst darum, zu zeigen, welchen Stellenwert das Fühlen in unserem innerpsychischen Prozess hat. Und dafür ist es wichtig zu wissen: Unsere Gefühle und Körperempfindungen bleiben unser Leben lang Wegweiser für das, was wir wollen und brauchen.

Unsere Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte bestimmen maßgeblich darüber, wie wir eine Situation definieren und damit auch, wie wir sie erleben.

 

Beispielsweise können Menschen, deren Gefühlswelt durch Hirnschädigungen eingeschränkt wurde, eine Situation - auch mit ihren emotionalen Komponenten - von außen immer noch klar erfassen und analysieren. Es hat sich jedoch gezeigt, dass sie in ihrem eigenen Leben den Kompass für ihr Verhalten verlieren und gerade in sozialen Situationen oft nicht mehr situationsgerecht handeln können, obwohl ihre kognitiven Fähigkeiten nicht beeinträchtigt sind.

 

Weil der Mensch so stolz auf seinen reflektionsbegabten Verstand ist, der ihn vom Tier unterscheidet, haben wir zu glauben begonnen, dass wir vor allem mit unserem Denken unser Handeln bestimmen. Die Ergebnisse der Hirnforschung entlarven diese Annahme jedoch als Irrtum. Unsere Gefühle vermitteln uns, wohin wir wollen - also die Ziele -, unser Verstand ist eher ein Erfüllungsgehilfe, der auf Basis früherer und aktueller Informationen (unserem „Wissen“), den erfolgversprechendsten Weg weist. Und bezogen auf unser unmittelbares Verhalten gilt das Zusammenspiel: Unsere Gefühle und Bedürfnisse (also auch unsere Triebe) liefern uns die Handlungsimpulse, unser Denken bewertet diese selektiv anhand von Erfahrungen und Normen und legt auch schon mal ein „Veto“ ein. Wir unterdrücken dann den Handlungsimpuls oder lenken ihn um - mit unmittelbaren Folgen auf unsere Gefühlswelt.

 

In unserem Beispiel aus dem Abschnitt „Wahrnehmen“ (das Geschäftsessen mit Chef und hübscher Kollegin) sind es also zunächst unsere Gefühle und natürlich unsere „Gefühls-Historie“, die bestimmen, wie wir die Situation für uns persönlich deuten. Die emotionalen Präferenzen und Prägungen haben den entscheidenden Einfluss darauf, was und wie wir wahrnehmen. Wenn es aber darum geht, das Wahrgenommene zu bewerten, und aufgrund dieser Bewertung zu handeln, gewinnt das Denken zunehmend an Bedeutung.

 

Hindernisse überwinden, ist der Vollgenuss des Daseins!

(Arthur Schopenhauer)