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Sexualität


In meiner Arbeit als Paartherapeut ist mir keine Beratung erinnerlich, die das Thema Sexualität nicht zumindest gestreift hat. In der Mehrzahl gehört es sogar zu den Hauptthemen. Doch auch wenn es vom Paar nicht als Problem angesprochen wird, ist die Entwicklung des Sexlebens in langjährigen Beziehungen fast immer ähnlich: stetig schwindend bis hin zu vollständig eingeschlafen. Manche Paare haben sich aufgrund der zahlreichen Anforderungen des Alltags damit abgefunden, wobei dies erfahrungsgemäß Frauen etwas leichter fällt als Männern. Welche natürlichen (also vor allem biologischen) und welche kulturellen Gründe dies hat, ist eine der Fragen, denen ich mich in den folgenden Kapiteln widme.

Es gibt seit Jahren eine häufig benutzte Redewendung, um die derzeitige Sexualität in den westlichen Gesellschaften zu beschreiben: die Menschen seien „oversexed and underfucked“. Beschrieben wird hierdurch ein krasses Missverhältnis: nämlich einerseits die Intensität, mit der wir überschwemmt werden von expliziten Sexdarstellungen, sexualisierter Werbung und unterschwelliger Sexualität in Bild und Sprache; andererseits eine bereits seit längerem vorherrschende Unzufriedenheit über die mangelnde Befriedigung unserer erotischen und sexuellen Bedürfnisse.

Dieses Missverhältnis kann ich genauso bestätigen wie die zunehmenden Affären und Seitensprünge, mit denen ich in meiner beruflichen Praxis konfrontiert bin.

Auf der Suche nach den Gründen für diese nur kurz angerissenen Phänomene war die Lektüre einiger Bücher sehr hilfreich, die meinen Blick erweitert und ein breites theoretisches Fundament für meine praktischen Erfahrungen geliefert haben. In den folgenden Kapiteln möchte ich wesentliche Erkenntnisse und Zusammenhänge daraus zusammenzufassen. Ziel ist es, einen leicht lesbaren Überblick zu geben über

  • Sexualität im Spannungsfeld zwischen Lust und Liebe (Kapitel 1)
  • die biologischen und evolutionären Wurzeln unserer Sexualität (Kapitel 2),
  • Kulturelle Entwicklungen und ihren Einfluss auf Sex in Partnerschaft und Gesellschaft (Kapitel 3)

Über die Konflikte, die sich aus den unterschiedlichen Bedürfnissen unserer natürlichen und kulturellen Prägungen ergeben, komme ich abschließend zu möglichen individuellen, partnerschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungschancen.

Die Bücher, aus denen diese Fakten, Überlegungen und Thesen stammen sind:

  • „Sex – die wahre Geschichte“ von Christopher Ryan und Cacilda Jetha
    (hier insbesondere mehrere Abschnitte unter "Unser evolutionäres Erbe")
  • „Die Psychologie der Liebe“ von Jürg Willi
  • „Wie wir lieben“ von Friedemann Karig
  • „Wenn Liebe fremdgeht“ von Ulrich Clement
  • „Die Liebe“ von Bas Kast

In fast allen Fällen habe ich die Erkenntnisse aus diesen Quellen neu zusammengesetzt und meinem Sprachstil sowie den thematischen Schwerpunkten der einzelnen Kapitel angepasst. Dort wo ich einzelne Sätze oder Gedanken wörtlich übernommen habe, habe ich das durch entsprechende Zitate kenntlich gemacht.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre und hoffe, dass Sie auf einiges stoßen, was auch Ihren Blick auf Sexualität weitet.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)