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Schimpansen, Bonobos, Gorillas (Sex bei unseren nächsten Verwandten)

 

Vor etwa fünf bis sechs Millionen Jahren trennte sich die Abstammungslinie von Schimpansen und Bonobos von der menschlichen Ahnenreihe. Diese beiden Primatenarten, die damit die nächsten Verwandten des Menschen sind, trennten sich nach derzeitigen Erkenntnissen wiederum vor knapp vier Millionen Jahren. Die Abstände zu anderen Menschenaffen werden dann rasch größer: der Gorilla trennte sich von neun Millionen Jahren von der gemeinsamen Abstammungslinie, Orang-Utans vor 16 Millionen Jahren und Gibbons, die einzigen monogamen Primaten, vor 22 Millionen Jahren. Laut DNA-Analysen lebte der letzte gemeinsame Vorfahre von Menschenaffen und Affen vor 30 Millionen Jahren.

Schimpansen und Bonobos gehören - wie wir selbst - zu den großen Menschenaffen, den Hominiden, die allesamt keinen Schwanz aufweisen. Sie sind hochsozial und verbringen den größten Teil ihres Lebens auf dem Boden. Frans de Waal, einer der bekanntesten Primatologen, fasst die Unterschiede zwischen diesen beiden Arten folgendermaßen zusammen: "Schimpansen lösen sexuelle Fragen durch Macht, Bonobos lösen Machtfragen durch Sex."

Bei beiden Arten paaren sich Frauen in oft geringen Zeitabständen mit mehreren Männern. Bei der Häufigkeit ihrer sexuellen Aktivitäten werden Schimpansen von Bonobos jedoch noch übertroffen. Die bemerkenswerte Kopulationsneigung der Bonobos ist darauf zurückzuführen, dass Sexualität ein zentrales Element ihrer sozialen Interaktion ist und vor allem dem Gruppenzusammenhalt dient (der Fortpflanzung allenfalls nebenbei). Daher ist auch ein entscheidender Unterschied zur Sexualität anderer Primatenarten, dass bei Bonobos - anders als Schimpansen und Gorillas - keine Rituale der Dominanz und Unterwerfung zu beobachten sind.

Schimpansen-Männchen schließen hin und wieder Bündnisse. U.a. mit dem Ziel, dadurch einen höheren Status zu erlangen oder um Konkurrenten fernzuhalten von gerade fruchtbaren Weibchen.

Demgegenüber ist der Status von Bonobo-Frauen wichtiger als die Hierarchie unter den Männern - auch wenn die weibliche Rangfolge bei Bonobos nicht strikt festgelegt ist. Interessanterweise führt die weibliche Dominanz bei den Bonobos nicht zu einer Unterwerfung der Männer. Es findet also nicht eine bloßen Umkehrung der Machtstrukturen statt. De Waals Arbeiten haben beispielsweise gezeigt, dass die sexuelle Aufgeschlossenheit der Bonobo-Frauen die Konflikte unter den Männern im Vergleich zu anderen Primatenarten erheblich reduziert. Trotz ihrer untergeordneten sozialen Stellung scheint es männlichen Bonobos also weitaus besser zu gehen als z.B. männlichen Schimpansen. Dazu Frans de Waal: "Angesichts ihrer häufigen Sexspiele und ihrer geringen Aggressionsneigung kann ich mir nur schwer vorstellen, dass die Bonobo-Männer einer besonderen Belastung ausgesetzt sind."

Der Nutzen dieses Sexualverhaltens besteht in einer intensiveren gesellschaftlichen Zusammenarbeit beider Geschlechter als dies bei allen anderen Primatenarten zu beobachten ist (den Menschen heutiger Prägung mit eingeschlossen). Nicht zu vernachlässigen ist dabei der Umstand, dass dieses starke Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe auch eine entsprechend große Geborgenheit für den Nachwuchs bedeutet.

Noch einmal Frans de Waal (aus „Der Affe in uns“): "Ich versuche mir manchmal vorzustellen, wie die Dinge gelaufen wären, hätten wir zuerst den Bonobo und dann später - oder überhaupt nicht - den Schimpansen kennengelernt. Die Diskussionen über die Evolution des Menschen würden sich nicht so sehr um Gewalt, Krieg und männliche Dominanz drehen, sondern vielmehr um Sexualität, Empathie, Fürsorge und Kooperation. … Höchstwahrscheinlich würden wir dann heute davon ausgehen, dass Frauen der Mittelpunkt der frühen Hominiden-Gesellschaften waren, dass Sex damals wichtige soziale Funktionen hatte und es kaum oder nie Kriege gab."

Wie Schimpansen leben auch Gorillas in einer strengen Hierarchie. Anders jedoch als bei Schimpansen hat der Anführer einer Gruppe (der „Silberrücken“) das alleinige Vorrecht, sich mit den Weibchen zu paaren. Ein solches Paarungsverhalten wird als „polygyn“ bezeichnet, d.h. ein Männchen paart sich mit mehreren Weibchen (Modell Harem). In Ausnahmefällen paaren sich auch rangniedrige Männchen. Entweder heimlich oder aber mit Erlaubnis des Silberrückens (um dadurch bspw. Revierkämpfe zu vermeiden). Gemäß DNA-Analysen einer Berggorilla-Gemeinschaft stammen ca. 15% des Nachwuchses nicht vom Silberrücken ab.

Orang-Utans unterscheiden sich deutlich von den anderen Primatenarten - nicht nur im Paarungsverhalten, aber auch dort. Sie leben einzeln und vorwiegend auf Bäumen. Längere Bindungen existieren allenfalls zwischen Weibchen und ihrem Nachwuchs.  Die Paarung findet entweder erzwungen durch umher streifende Männchen statt oder einvernehmlich mit Männchen, die im gleichen Territorium leben. Insofern weicht ihr Paarungsverhalten wesentlich von dem anderer Primatenarten ab.

Betrachten wir zum Ende dieses Abschnitts die größte Gemeinsamkeit hinsichtlich der Sexualität von Mensch und Bonobo: Diese beiden Spezies sind die einzigen im Tierreich, für die Sex, der nicht der Fortpflanzung dient, etwas völlig Natürliches ist. Er dient sowohl der Festigung von Freundschaften als auch dem Vergnügen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass der prähistorische Mensch (so wie wild lebende Naturvölker heute noch) ebenfalls in Gesellschaftsformen mit einer weitgehenden sexuellen Liberalität gelebt haben könnte. Welche Anhaltspunkte es für eine solche Annahme gibt, damit beschäftigt sich u.a. die evolutionäre Psychologie.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)