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Angst und Wut sichern Überlebens-Bedürfnisse

Wenn umgangssprachlich vom Reptiliengehirn als dem ältesten Gehirnteil des Menschen gesprochen wird, bekommen wir einen Eindruck, wie alt der Überlebensreflex Kampf oder Flucht ist. Es zeigt aber auch, dass Teile unseres Gehirns noch sehr archaisch funktionieren und bestimmte Körperfunktionen in Sekundenbruchteilen aktivieren können.

 

Einer dieser sehr alten körperlichen Überlebens-Funktionen ist Stress! Für Situationen, in denen unsere körperliche Unversehrtheit bedroht war (im Extremfall unser Leben) oder wir lebenswichtige Ressourcen zu verteidigen hatten (z.B. Nahrung), hat der Körper eine physiologische Stressreaktion evolutionär entwickelt. Es werden sogenannte „Stresshormone“ freigesetzt: vor allem Cortisol und Adrenalin. Diese bewirken sowohl die Senkung einiger Körperfunktionen (z.B. Hunger und Libido) als auch die Steigerung anderer Funktionen (z.B. Herzschlag). Der Körper wurde so optimal auf die Überlebens-Reaktion Kampf oder Flucht vorbereitet.

 

Ein Spezialfall ist die Angststarre (bei Tieren auch als „Totstell-Reflex“ bezeichnet), eine körperliche Reaktion auf die Aussichtslosigkeit von Kampf oder Flucht. Auf menschliche Begriffe übertragen: Hilflosigkeit als gelernte Erfahrung, dass keine Aktivität Aussicht auf Sicherheit oder Schutz bietet. Länger andauernde oder häufige Hilflosigkeit kann zu Hoffnungslosigkeit und Resignation führen. Dies kann der direkte Weg in die Antriebsarmut der Depression werden. 

 

Vom evolutionären Ursprung her waren es also zunächst unmittelbare Überlebens-Bedrohungen, die körperliche Stressreaktionen hervorriefen. Heutzutage reicht oft schon der Fahrstil eines anderen Autofahrers, die hochgezogene Augenbraue des Partners oder die abweisende Miene des Chefs, um durch Wut- oder Angstreaktionen den Körper in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen - oder irgendwann in Resignation zu verfallen. Und da wir seinerzeit davor geschützt werden sollten, wertvolle Zeit mit Gedanken über den möglichen Sattheitsgrad des Säbelzahntigers zu verschwenden, können wir in Stress-Situationen auch heute noch nicht gut denken.

 

Wut/ Aggression

 

Wut und Aggression waren unverzichtbare Emotionen unseres Selbsterhaltungstriebs. Sie ließen uns für unsere lebensnotwendigen Bedürfnisse einstehen und ggf. auch kämpfen. Sie versetzten uns also in die Lage, uns zur Verteidigung unserer Ressourcen sowie der Befriedigung unserer Bedürfnisse zur Wehr zu setzen – oder dies zumindest körpersprachlich (und später verbal) anzudrohen.

 

Schauen wir uns die Funktion von Aggressionen etwas genauer am Beispiel von Hunden an - also einem Säugetier, das bereits über Jahrtausende mit dem Menschen zusammenlebt, aber über die angeborenen Emotionen hinaus keine kognitiv beeinflussten Gefühle und kein zu verteidigendes Selbstbild hat. Bei Hunden können wir beobachten:

  • Futter-Aggression zur Verteidigung der Nahrung,
  • territoriale Aggression bei einer gefühlten Bedrohung der Schutz bietenden Heimstatt,
  • sexuelle Aggression im Wettbewerb um die Befriedigung des Fortpflanzungstriebs.

Auch der Jagdtrieb ist natürlich ein aggressives Verhalten, das seinerzeit noch dem Überleben diente. (Im Gegensatz zum heutigen Menschen wenn dieser „ein Schnäppchen reißt“!)

 

Aggression als zum Ausdruck gebrachte Wut soll in der Regel zunächst eine abschreckende Wirkung zeigen, aber (noch) nicht verletzen. Der Einsatz von Gewalt ist in der Regel der letzte Schritt zur Verteidigung der Ressourcen, wenn die Drohung fruchtlos bleibt. Auch nicht mehr kontrollierbare Wut („Jähzorn“) kann zu gewalttätigen Aggressionen führen. Diese resultiert jedoch oft aus Hilflosigkeit, z.B. wenn Menschen eine tiefe Ungerechtigkeit empfinden, gegen die sie sich macht- und wehrlos fühlen.

 

Furcht/ Angst 

 

Furcht veranlasst uns, Gefahren zu vermeiden und keine unnötig hohen Risiken einzugehen. Mit Hilfe der oben beschriebenen Körperfunktionen wird ebenfalls die Konzentration gefördert, sich auf die als gefährlich eingeschätzte Situation zu fokussieren. Darüber hinaus setzt Furcht Kräfte frei, über die wir im „normalen Zustand“ nicht verfügen. 

 

Angst hingegen ist generalisierte Furcht und das Ergebnis eines - in der Regel unbewussten - Lernprozesses. Die Erfahrung einer bereits erlebten Bedrohung wird emotional auf andere Situationen übertragen, die als vergleichbar assoziiert werden. Subjektiv empfundene Parallelen in der Wahrnehmung („Schlüsselreize“), die mit dem früheren Bedrohungs-Erleben verknüpft sind, lösen dann die entsprechenden Körperreaktionen aus. Angst kann sich auf diese Weise verselbständigen und immer weiter von der Furcht auslösenden Situation entfernen. Dann können schon geringfügige Anlässe im Außen (z.B. die Anwesenheit bestimmter Personen) oder im Innen (z.B. Veränderungen der Gedanken oder Körperempfindungen) ausreichen, um Angstreaktionen auszulösen.

 

Auch Überraschung und Ekel dienten dem Überleben

 

Der evolutionäre Zweck der Überraschung ist vielleicht nicht sofort offensichtlich. Alle Lebewesen sind aber darauf angewiesen, für eine Vielzahl ähnlicher Sinneswahrnehmungen oder Situationen Automatismen zu entwickeln. Dies hilft dem Gehirn, die begrenzte Wahrnehmungsfähigkeit sowie die zur Verfügung stehenden Kraft-Ressourcen auf das zu richten, was Aufmerksamkeit und ggf. eine besondere Reaktion erfordert. Überraschung empfinden zu können, ist also äußerst hilfreich, um Wichtiges von Unwichtigem trennen zu können. Das Überraschende wird aus dem bereits Bekannten heraus selektiert, um blitzschnell zu erkennen, wofür es noch kein bewährtes Verhaltensmuster gibt.

 

Ekel sorgte vor allem dafür, nicht genießbare bzw. ungesunde Nahrung zu verweigern oder gefährlichen Tieren auszuweichen. Schmecken und Riechen spielen beim Ekel eine wichtige Rolle. Daher beispielsweise auch unsere angeborene Abneigung gegen Bitteres und Saures. Verdorbenes riecht säuerlich, giftiges schmeckt bitter. Kinder „wissen schon“, warum sie Kaffee oder Bier nicht mögen. 

 

Riechen ist diejenige Sinneswahrnehmung, die am nachhaltigsten und schnellsten erinnert wird. Einen bestimmten Duft aus der Jugend können wir auch nach Jahrzehnten noch in Sekundenschnelle assoziativ zuordnen. Heute, wo der Ekel seine lebensrettende Funktion weitestgehend verloren hat, ekeln wir uns häufiger vor visuell abstoßenden Reizen Ekel (z.B. Spinnen oder Schlangen). Die Ursprünge davon sind aber oft bereits seit langem in unserer DNA verankert.


Hindernisse überwinden, ist der Vollgenuss des Daseins!

(Arthur Schopenhauer)

Küken im Ei