Wahrnehmen (Selektive Wahrnehmung als Reizfilter)

Mittlerweile kennt jeder, der sich mit psychologischen Themen beschäftigt, den Begriff „selektive Wahrnehmung“. Er beschreibt etwas, was letztlich kein großes Geheimnis ist: Dass die Vielzahl von Reizen, die unentwegt auf jeweils einige unserer fünf Sinne einströmen, zu viel sind, um alle bewusst von uns verarbeitet werden zu können. Unser Bewusstsein muss also eine Auswahl treffen zwischen relevanten und weniger relevanten Informationen.  Vereinfacht gesagt nimmt es das wahr, was ihm im jeweiligen Moment wichtig erscheint. Aber wie unterscheidet es Wichtiges von Unwichtigem - und das situationsabhängig?

 

Vielleicht ist es am Anschaulichsten, wenn wir uns unser Gehirn als individuelle Riesenbibliothek vorstellen. Dort sind die Ereignisse unseres Lebens in der Form abgespeichert, dass einzelne Reize/ Informationen, die wiederholt zusammen auftraten, auch mit Bezug zueinander abgespeichert werden. Komplexe Erlebnisse, die wir mehrfach gefühlsmäßig und gedanklich verarbeitet haben, ergeben sozusagen dicke Bücher. Treten einzelne Erlebnisse extrem häufig auf, sind sie - um im Bild zu bleiben - fett und in Großbuchstaben gedruckt und dadurch besonders leicht lesbar.

 

Unsere Wahrnehmung selektiert zum einen danach, welche Informationen uns bekannt vorkommen (und damit leicht einzuordnen sind), und zum anderen, welche Reize eine besonders starke gefühlsmäßige Auswirkung gehabt haben. Denn auch Ereignisse, die besonders intensive Gefühle hervorgerufen haben, werden vom Gehirn leichter erinnert, und sind daher ein Auswahlkriterium.

 

Abschließend ist noch zu berücksichtigen, dass auch die Situation, in der wir uns gerade befinden, eine Art Filter für unsere Wahrnehmung bedeutet. Man könnte auch sagen, dass unsere geistige Erinnerungs-Bibliothek aus mehreren thematischen Räumen besteht, die jeweils bestimmten Situationen zugeordnet sind. Dabei ist es auch wieder ganz individuell verschieden, wie wir ein Ereignis definieren, also welchen Themen-Raum wir welcher Situation zuordnen.

 

Ein Beispiel, das ich auch in den nächsten Abschnitten immer wieder aufgreifen werde: Es findet ein Geschäftsessen statt, an dem sowohl der Chef als auch eine hübsche Kollegin teilnehmen. Der eine bewertet diese Situation als willkommene Gelegenheit, um seine beruflichen Fähigkeiten herauszustellen und bemüht sich um einen Sitzplatz in der Nähe des Chefs. Ein anderer, der sich zielsicher den Stuhl neben der Kollegin sichert, achtet auf Themen, bei denen er seine privaten persönlichen Vorzüge bestmöglich darstellen kann. Je nachdem, wie wir die Situation für uns definieren, nehmen wir auch unterschiedlich wahr, was um uns herum passiert.

 

Hindernisse überwinden, ist der Vollgenuss des Daseins!

(Arthur Schopenhauer)