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Narzissmus - der Hunger nach Bewunderung und Liebe

Ist Narzissmus mit übersteigerter Selbstliebe gleichzusetzen? Nein, da Narzissmus sich gerade durch die Abwesenheit eines gesunden Maßes an Selbstliebe auszeichnet. Man könnte ihn auch als eine Kompensationsform für mangelnde Selbstliebe bezeichnen.

 

Vielleicht wird man dem Phänomen Narzissmus am ehesten gerecht, wenn man ihn mit „Selbst-Verliebtheit“ übersetzt. Denn genau so wenig wie Verliebtheit mit Liebe zu tun hat (siehe meine Ausführungen dazu oben), hat Selbst-Verliebtheit mit Selbstliebe zu tun. Im Kern hat narzisstische Selbstverliebtheit sehr ähnliche psychische Charakteristika wie die Verliebtheit:

  • Starke Stimmungsschwankungen zwischen Euphorie (Größenwahn) und Depression (Selbstzweifel)
  • Erhöhter Antrieb und verringertes Schlafbedürfnis in den „manischen Phasen“ des äußeren Erfolgs und damit verbundener Anerkennung/Bewunderung
  • Das Selbstbild, das man von der Außenwelt möglichst zahlreich und unkritisch gespiegelt bekommen möchte, ist eine (frühe) Projektion des eigenen Größenselbst
  • Unreflektierte Aufwertung der eigenen Bewunderer (zum Zweck der Selbst- Idealisierung)
  • Bei Enttäuschung über nachlassende Bewunderung oder kritischen Anmerkungen Entwertung des/der Anderen bis hin zu tiefster Verachtung (als Schutzreaktion vor Selbst-Entwertung)
  • Der Selbstverliebtheits-Süchtige benötigt ständig neue Projekte, Partner oder sonstige Selbstbestätigungs-Reize für seine Dopamin- und Endorphin-Kicks (so wie der Verliebtheits-Süchtige immer neue Projektionsflächen für seine Anhimmelung braucht)

 

Unter diesem Blickwinkel ist es auch missverständlich, einen „gesunden Narzissmus“ zu propagieren. Folgt man den obigen Überlegungen gibt es diesen nicht, sondern nur eine „gesunde Selbstliebe“.

 

Bei meinen Betrachtungen möchte ich daher die Begriffe Narzissmus und Selbstliebe strikt voneinander trennen. Die Selbstliebe richtet sich aufs Selbst, das heißt unter anderem: Zufriedenheit durch Sinneserfahrungen, Verbundenheit mit dem Sein, Genusserleben ohne Bedingung. Narzissmus dagegen dient dem Ego, das heißt Behauptung (und damit Schutz) von Persönlichkeit/ Identität sowie Hervorhebung von individuellen Stärken, Leistungen und Erfolgen.

 

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung als Extremform des individuellen Narzissmus zeichnet sich insbesondere durch ein diffuses Minderwertigkeitsgefühl aus. Die damit zusammenhängende Anerkennungs- und Liebesbedürftigkeit dient der Kompensation.

 

Narzissmus vs. narzisstische Persönlichkeitsstörung

 

Entdeckt man an sich selbst oder an Menschen aus dem näheren Umfeld narzisstische Züge, taucht schnell der Begriff der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf. Vor dieser Gleichsetzung möchte ich ausdrücklich warnen. Nicht nur, dass die Leistungs- und Wachstumsideale unserer heutigen Gesellschaft narzisstische Tendenzen in vielen Lebensbereichen fördern. Es besteht auch die Gefahr, Menschen mit einem Krankheitsstempel zu versehen, die vielleicht nur anders neurotisch sind als wir selbst. Das heißt, deren Verletzungen oder Leiderfahrungen aus Kindheit und Jugend sich von unseren unterscheiden oder die dafür andere Kompensationsformen entwickelt haben.

                                                      

Um dies zu veranschaulichen, empfehle ich Ihnen, sich den Narzissmus-Anteil an einer Gesamt-Persönlichkeit auf einer Skala von 1-10 vorzustellen. Am unteren Ende - also bei etwa 1-4 - befindet sich (bis jetzt noch) der Großteil der Gesellschaft. Am anderen Ende - bei 9-10 - lässt sich dann wirklich von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen. Für die Frage des täglichen Miteinanders interessant und damit auch Gegenstand der Betrachtungen in diesem Kapitel, ist der obere Mittelbereich so etwa zwischen 5 und 8. Wenn ich also im Folgenden der Einfachheit halber von "Narzissten" spreche, meine ich immer Menschen mit starken narzisstischen Persönlichkeitsanteilen.

 

Hier haben wir es mit Menschen zu tun, deren Persönlichkeitsstruktur in einem solchen Maße narzisstisch geprägt ist, dass ihr Umfeld wesentlich häufiger an ihnen leidet als sie an sich selbst. Dass es nur selten zu einer therapeutischen Auseinandersetzung mit den narzisstischen Zügen kommt, liegt in der Natur dieser Persönlichkeitsstruktur. Die Erhöhung des eigenen Egos verträgt sich nur schwer mit einer Selbstreflektion im Rahmen therapeutischer Hilfe. In auf Druck zustande kommenden Therapien bieten narzisstische Persönlichkeiten ihre gewohnt perfekte Fassade und gaukeln Problemlosigkeit vor.

 

Nach diesem Versuch einer Narzissmus-Definition mithilfe begrifflicher Abgrenzungen zu Selbstliebe einerseits und der narzisstischen Persönlichkeitsstörung andererseits möchte ich in den folgenden Abschnitten näher eingehen auf

Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt!

(Albert Schweitzer)

Hund und Katze