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Verliebtheit

Für das Verständnis des Phänomens Liebe ist der fundamentale Unterschied zwischen Verliebtheit und (partnerschaftlicher) Liebe außerordentlich wichtig. Tatsächlich handelt es sich um zwei vollkommen unterschiedliche emotionale und körperliche Zustände ("Verliebtheit ist die schönste Form der Psychose"). Darüber hinaus spielen eine Reihe - vorwiegend unbewusster - psychologischer Motive eine besondere Rolle bei Verliebten.

 

Sexuelles Begehren und sehnsüchtige Leidenschaft sind nie wieder so groß wie in der Phase der Verliebtheit. Alles ist neu und aufregend. Der neue Partner will entdeckt werden und man selbst wird ebenfalls zu einem Ziel wohltuenden Erkundungsinteresses, das in dem Wunsch nach symbiotischer Verschmelzung gipfelt. Um die erahnten Erwartungen des Anderen nicht zu enttäuschen, erreicht die eigene Veränderungsbereitschaft ungeahnte Höhen. Auf emotionaler Ebene kommen selbstbestätigende Eroberungswünsche und selbstzweifelnde Verlustängste hinzu, die zusätzlich für eine emotionale Berg- und Talfahrt sorgen. Und auch wenn diese Stimmungsschwankungen gerne als Beweis schicksalhafter Liebe angesehen werden, so sind es doch vorrangig Tanzschritte ums eigene Ego.

 

Die „Flugzeuge im Bauch“ der Verliebten gehen auch mit einer biochemischen Umstellung im Körper - insb. im Gehirn - einher. Diese Veränderungen sind physiologisch am ehesten mit den manischen Phasen vergleichbar, die Menschen mit häufigen starken Stimmungsschwankungen erleben („bipolare Störung“). Auch Verliebte pendeln zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt - Kennzeichen einerseits der zeitweisen Überflutung des Körpers mit Glückshormonen und köpereigenen Opioiden sowie  andererseits der darauf folgenden Hormontäler, in denen der Körper diese Botenstoffe neu synthetisieren muss. Darüber hinaus sind zu verzeichnen: ein geringeres Schlafbedürfnis, ein verminderter Appetit („von Luft und Liebe leben“) und ein erhöhter Antrieb.

 

Ebenfalls vergleichbar mit manischen Phasen kann der Körper einen solchen Ausnahmezustand nicht viel länger als etwa ein halbes Jahr verkraften. Im Rahmen der dann folgenden Normalsierung der Körper- und Hirnfunktionen verschwindet auch (manchmal schleichend, manchmal schlagartig) die stark rosarote Tönung der Brille, durch die man das Objekt seiner Verliebtheit bis dahin betrachtet hat.

 

Der mit der Verliebtheit einhergehende Hormon-Cocktail (u.a. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphine) ist auch der Grund dafür, dass Verliebt-Sein süchtig machen kann. Insb. Dopamin und Endorphine haben eine so euphorisierende Aufputschwirkung, dass der Körper Sucht- bzw. Entzugs-Symptome ausbildet, sobald der Kick nachlässt. In einer wissenschaftlichen Untersuchung zeigte sich mithilfe von Kernspintomographien, dass die Hirnaktivitäten von frisch Verliebten ähnliche Muster aufwiesen wie unter Drogeneinfluss (z.B. von Kokain und Heroin, die beide die Dopamin-Konzentration im Gehirn erhöhen).

 

Durch die ständig steigende Informations- und Sensationsflut neigen die Menschen in der „modernen Gesellschaft“ ohnehin zu einer gewissen Dopamin-Sucht. Damit steigt nach meiner Beobachtung auch die Häufigkeit, mit der sich Menschen eher in das Gefühl des Verliebt-Seins verlieben als in die jeweils Angebeteten. Denn nur durch einen rechtzeitigen Austausch der Projektionsfläche kann der Glückshormon-Pegel im rauschhaften Ausnahmezustand gehalten werden.

 

Diese nüchternen Betrachtungen sollen die Verliebtheit aber nicht ausschließlich entzaubern. Verliebtheits-Phasen sind auch Wachstumsphasen. Manchmal gelingt es uns nur durch diese Art von Aufbruch und Neuanfang Veränderungen zu erreichen, die wir uns vorher selbst nicht mehr zugetraut haben. Und es hat auch Gründe, warum wir unsere Sehnsüchte gerade auf diesen Mensch projizieren und nicht auf einen anderen. Meist bringt er einen Ton in uns zum Klingen, den wir selbst schon lange nicht mehr vernommen haben. Hierdurch wird in der Anfangsphase der Verliebtheit oft ein emotionales Fundament gelegt (der sogenannte „Liebesmythos“), der eine wichtige Ressource für die spätere Partnerliebe sowie die Überwindung von Krisen sein kann.

Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt!

(Albert Schweitzer)

Hund und Katze