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Veränderung und Wandel oder Stabilität und Sicherheit

Ob ein Mensch eher veränderungsbereit oder stabilitätsliebend ist, ist ein Persönlichkeitskriterium, das ebenfalls in die allermeisten Modelle Eingang gefunden hat. Unterschiedlich sind nur die für dieses Wesensmerkmal verwandten Begriffe, die verschiedene Nuancierungen ausdrücken.  Der entsprechende Persönlichkeitsfaktor bei den „Big Five“ lautet: Offenheit für Neues. Statt des Begriffs „Veränderung“ wird auch „Vielfalt“ oder „Spontaneität“ verwendet. Statt von „Stabilität“ sprechen manche auch von „Sicherheit“, „Dauerhaftigkeit“ oder „Strukturorientierung“ zur Bezeichnung dieser Eigenschaft.

 

Der Pol Veränderung steht für Menschen, die neugierig, spontan, flexibel, risikobereit, anpassungs- und wandlungsfähig, kreativ, originell und fantasievoll sind. Sie sind oft hungrig nach neuen Erfahrungen und Entdeckungen und sind tendenziell künstlerisch veranlagt. Je nach genauer Definition dieses Persönlichkeitsmerkmals ergeben sich in manchen Modellen Überschneidungen mit der Eigenschaft Extraversion, da mit beiden Kriterien eine aktive Lebensführung verbunden wird.

 

Demgegenüber sind sicherheits- bzw. stabilitätsliebende Menschen kontrolliert, organisiert, beständig und eher konventionell. Sie sind in der Regel zielbewusst und lieben planvolles Vorgehen, Regeln, Ordnung und Gewohnheiten. Dafür sind ihre Kreativität und ihre künstlerische Ader oft eher unterentwickelt. Auch bei diesem Kriterium ergibt sich eine Nähe zur Definition introvertierter Personen. Beide verhalten sich tendenziell passiv. Der Stabilitätsliebende kann jedoch bei der Erreichung von Zielen oder der Durchsetzung seiner Pläne durchaus offen und selbstbewusst auftreten. Voraussetzung ist aber, dass er sich auf Gebieten bewegt, in denen er sich hinreichend kompetent fühlt, und er nicht extrem introvertiert ist.

 

In seinem Psychologie-Klassiker „Grundformen der Angst“ (1961) beschreibt Fritz Riemann brillant und nachvollziehbar die Ambivalenz des Menschen zwischen einerseits dem Streben nach Dauer, Beständigkeit und Verlässlichkeit und andererseits dem Bedürfnis nach Wandlung und Entwicklung. Nach Riemann beinhalten beide Bedürfnispole sowohl die Sehnsucht nach dem einen als auch die Angst vor dem jeweils Entgegengesetzten. In unserem Wunsch nach Stabilität kommt die Angst vor Unsicherheit und Wandel zum Ausdruck (möglicherweise auch vor Vergänglichkeit). Im Streben nach Veränderung hingegen treten wir unserer Angst vor Notwendigkeit, Unfreiheit und Endgültigkeit entgegen. In seinen Extremformen läuft der Sicherheitsfanatiker Gefahr, in seinem Denken und Handeln zwanghaft zu werden, während der Veränderungssüchtige oft den Preis einer schwankenden Gemütslage mit starken emotionalen Ausschlägen zahlt. Letzteres wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts - auch psychiatrisch - als „Hysterie“ bezeichnet.

 

An dieser Stelle sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass das Persönlichkeitsmerkmal „Gewissenhaftigkeit“ aus den „Big Five“ (das auch für Gründlichkeit, Disziplin, Sorgfalt oder Selbstkontrolle steht) keinen Eingang in die von mir dargestellten Persönlichkeits-Dimensionen gefunden hat. Nach meinen Erfahrungen resultieren Gründlichkeit und Disziplin aus einer Kombination der beiden Persönlichkeitspole Stabilität und Introversion. Mit anderen Worten: Eine gewissenhafte Lebensführung und Aufgabenbewältigung fällt insbesondere bei den Personen auf, die einerseits sicherheits- bzw. strukturliebend sind und die sich andererseits eher zurücknehmen als expressiv auf die Außenwelt zuzugehen.

Lache das Leben an, vielleicht lacht es zurück!

(Jean Paul)

lachendes Pferd