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Was ist neurotisch?

In den Eingangs-Erläuterungen zum Kapitel Persönlichkeit habe ich erwähnt, dass die „Big Five“ der Persönlichkeitspsychologie auch das Persönlichkeitsmerkmal „Neurotizismus“ beinhalten. Doch was ist Neurotizismus? Wann sprechen wir von einem neurotischen Menschen oder einer neurotischen Persönlichkeit?

 

In manchen Theorien wird Neurotizismus mit „emotionaler Labilität“ oder „geringer emotionaler Kontrolle“ übersetzt. Neurotiker sind danach verletzlich, überempfindlich, ängstlich und hilflos. Der psychisch Gesunde ist demgegenüber robust, entspannt, ruhig und selbstbewusst. Aber sind das wirklich Definitionen, die weiterhelfen, oder drängen sich nicht sofort die nächsten Fragen auf: Was macht uns überempfindlich oder entspannt, wodurch werden wir ängstlich oder selbstbewusst?

 

Dies ist sicher schwierig zu beantworten, ich möchte aber zwei Erklärungsansätze anbieten:

Eine fehlende Balance von Fühlen und Denken

Wie bereits im Kapitel „Unsere Psyche“ näher ausgeführt, bestimmt das Zusammenspiel von  Fühlen und Denken entscheidend unser Erleben und Verhalten. Dabei sind unsere Gefühle in der Regel schneller und zielsicherer als unsere Gedanken - nicht zuletzt weil die Hirnareale, die unser Fühlen steuern, entwicklungsgeschichtlich älter sind und sich beim Kleinkind früher entwickeln als diejenigen, die uns das Denken ermöglichen. Man könnte sagen: Gefühle sind gute Wegweiser, Gedanken sind gute Wegbereiter.

 

Umgangssprachlich ist jedoch oft die Rede von „Kopfmenschen“ und „Bauchmenschen“. Dabei ist der Bauchmensch tendenziell jemand, der handelt ohne Nachzudenken. Der Kopfmensch hingegen denkt so viel nach, dass er kaum zum Handeln kommt. Beides führt manchmal zu nicht unbedingt erwünschten Ergebnissen. Erkennbar wird in diesen Bezeichnungen, dass der „Volksmund“ offenbar eine gesunde Balance von Kopf- und Bauch-Anteilen für sinnvoll hält - insbesondere beim Handeln und Entscheiden.

 

Nun gehören Fühlen und Denken zwar zwangläufig zu unserem Menschsein dazu, aber bereits in unserer frühen Entwicklung machen wir Erfahrungen, die eher unser Fühlen oder unser Denken fördern. Dies können sowohl einseitige Wertvorstellungen unserer Eltern sein (z.B. der „kluge Sohn“ oder die „einfühlsame Tochter“) als auch kritische Lebenssituationen, die bestimmte Fähigkeiten begünstigen oder unterdrücken. „Klassisch“ ist bestimmt das emotional unterversorgte Kind, das irgendwann seine beängstigenden Gefühle verleugnet bzw. nicht mehr wahrnimmt, um zu  überleben. Auf der anderen Seite - in unserer westlichen Zivilisation jedoch seltener - kann ein Kind in einer Umgebung aufwachsen, die seine Gedanken überhaupt nicht ernst nimmt. Wo es immer wieder Botschaften wie „Denk nicht, da bist du noch zu klein für“ oder sogar „Du bist dumm“ empfängt.

 

Auf solche und andere Weise erfahren wir schon früh, mit welchen Kompetenzen wir „punkten können“ oder womit wir uns eher schaden. In der Folge entwickeln wir Gewünschtes gezielt weiter und setzten es bevorzugt ein. Als schädlich oder unerwünscht erlebte Fähigkeiten verkümmern. Im Ergebnis ist der „Fühl-Profi“ einer unentwegten Flut von Handlungsimpulsen ausgesetzt, ohne entsprechende Bewertungsmaßstäbe entwickelt zu haben, diese ordnen und priorisieren zu können. Der „Denk-Profi“ hingegen kann zwar hervorragend planen, organisieren und bewerten, hat aber zu wenig innere Orientierung, wohin er eigentlich will und was ihm wichtig ist.

 

Beide Einseitigkeiten wirken verunsichernd und können - abhängig von der jeweiligen Situation – verletzlich, ängstlich oder hilflos machen. Demgegenüber machen das intuitive Wissen, was wir wollen, und die geistigen Fähigkeiten, wie wir dies auf Basis unserer Erfahrungen erreichen können, sicher und selbstbewusst. Vor diesem Hintergrund macht das Fehlen einer gesunden Balance zwischen emotionalen und kognitiven Kompetenzen tendenziell „neurotisch“.

 

Nicht selten werden bestimmte Gefühle - erziehungsbedingt - auch unterdrückt bzw. suchen sich andere Ausdrucksformen. So lernen Mädchen oft, dass Trauer oder Ängstlichkeit erlaubt ist, aber nicht Wut, während es bei Jungen häufig gerade umgekehrt ist. Im Resultat kommt es dann im ersteren Fall zu einem Aggressionsstau, der über Traurigkeit/Ängstlichkeit (bis hin zur Depression) versucht wird zu kompensieren. Im letzteren Fall dient überbordende Aggressivität dazu, nicht zugelassene Traurigkeit oder Angst zu verdecken bzw. abzuleiten.

 

Vor diesem Hintergrund lautet ein Zwischenfazit: Jedes verinnerlichte Gefühlsverbot, das die Unterdrückung einzelner Gefühle bzw. die kompensierende Überbetonung anderer Gefühle zur Folge hat, führt in den entsprechenden Situationen zu labilem, d.h. neurotischem (da emotional nicht gesundem) Verhalten. 
 

Eine fehlende Balance von gegensätzlichen Bedürfnissen

In den anderen Abschnitten dieses Kapitels habe ich Ihnen vier Paare von gegensätzlichen Grundbedürfnissen vorgestellt, zwischen deren jeweiligen Polen sich unsere Persönlichkeit ausprägt.

 

Extraversion und Introversion stehen für unsere Wünsche, zum einen mit der Außenwelt in einem lebhaften Austausch zu stehen, zum anderen sich zurückzuziehen, um in Ruhe die eigene Gefühls- und Gedankenwelt erkunden zu können. Im Bindungs- und Autonomiestreben beanspruchen sowohl Geborgenheit und Verbundenheit als auch Eigenständigkeit und Selbstwerdung ihr Recht, gelebt zu werden. Unsere Bedürfnisse nach einerseits Veränderung und andererseits Stabilität stellen uns vor die Herausforderung, in immer wieder neuen Situationen zwischen entwicklungsfördernden neuen Erfahrungen und Sicherheit spendender Gewohnheit zu wählen. Und schließlich brauchen wir sowohl kooperative Fähigkeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen, als auch Konkurrenzimpulse, um uns weiter zu entwickeln und unsere Grenzen zu erweitern.

 

Zunächst ist es wichtig, all diese Bedürfnisse wahrnehmen zu können, um dann Fähigkeiten zu entwickeln, sie auch situationsgerecht zu befriedigen. Unsere Erziehung, erlittene Verletzungen und dadurch begünstigte Ängste stehen dem oft entgegen. Dann bilden wir einseitige Erlebens- und Verhaltensmuster aus, die wir in zahlreichen Situationen wiederholen. Im Ergebnis entwickeln wir zwanghaftes Verhalten statt ein Gespür für die Umstände sowie eigene und fremde Bedürfnisse zu haben.

 

Eingeengte Gefühls-, Gedanken- und Verhaltensmuster stellen also sowohl einen Mangel dar, bestimmte Grundbedürfnisse zu spüren und zu befriedigen, als auch situationsgerecht zu handeln. Insofern bedeutet jede extreme Einseitigkeit, die unabhängig von Umgebung und Situation die immer wieder gleichen Bedürfnisbefriedigungs-Muster präferiert, tendenziell „Neurotizismus“. Dieser kann mithin auch als Ausdruck einer fehlenden Balance zwischen gegensätzlichen menschlichen Grundbedürfnissen verstanden werden.

Lache das Leben an, vielleicht lacht es zurück!

(Jean Paul)

lachendes Pferd