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Lustlos, aber hysterisch (Die kulturelle Umformung weiblicher Lust)


Weist der vorherige Abschnitt auf eine viel ausgeprägtere und offenere weibliche Sexualität hin als gemeinhin angenommen, so geht es im Folgenden darum, was dabei herauskommen kann, wenn nicht sein kann, was nicht sein darf. Dieser bemerkenswerte (und weithin unbekannte) Umgang mit weiblicher Lust in den zurückliegenden Jahrhunderten hat zwar eher anekdotische Züge. Mit scheint es jedoch ein sehr sprechendes Beispiel zu sein, wie natürliche Bedürfnisse kulturell umgeformt werden, damit sie für das herrschende Gesellschaftsmodell keine Bedrohung darstellen.

Sie haben bestimmt schon mal was von Hysterie bzw. hysterischen Frauen gehört. Wussten Sie aber auch, dass die Hysterie als Krankheit bereits seit dem Mittelalter in medizinischen Lehrbüchern über Frauenkrankheiten beschrieben wird? Und dass sie erst seit dem Jahr 1952 keine medizinisch anerkannte Diagnose mehr ist?

Die sogenannte Hysterie gehörte in Großbritannien und den USA noch Anfang des 20. Jahrhunderts zu den am häufigsten diagnostizierten Krankheiten. Zu den klassischen Symptomen gehörten: "Angstzustände, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Nervosität, erotische Fantasien, ein Gefühl der Schwere im Unterleib, Ödeme im unteren Beckenbereich und eine feuchte Vagina." Und wie im Buch "The Technology of Orgasm" der Historikerin Rachel Maines nachzulesen ist (Hauptquelle für alle Fakten in diesem Text), bestand die über Jahrhunderte etablierte Therapie der Ärzte darin, ihren Patientinnen einen Orgasmus zu verschaffen. Zumeist - zumindest bis zum Durchbruch elektronischer Hilfsmittel - durch kundige Handarbeit.

Dass nicht alle Ärzte gleichermaßen firm darin waren, kommt sehr pointiert durch den Arzt Nathaniel Highmore zum Ausdruck, der bereits im 17. Jahrhundert schrieb, dass „die Technik nicht leicht zu erlernen ist und an das Jungenspiel erinnert, sich mit der einen Hand über den Bauch zu reiben und mit der anderen auf den Kopf zu klopfen“. Diese koordinative Herausforderung war wahrscheinlich auch ein Grund dafür, dass manche Ärzte diese Aufgabe Krankenschwestern überließen. Oder später dann versuchten, die Handarbeit durch technische Apparaturen zu ersetzen. Dabei entstanden durchaus beeindruckende Apparaturen, die mittels stoßenden Dildos (teils über Flaschenzügen an Dachbalken aufgehängt) oder einem gezielten Wasserstrahl den sexuell bedürftigen Patientinnen Erleichterung verschafften. Doch der technische Fortschritt lässt sich bekanntlich nicht aufhalten und so eröffnete sich ab dem späten 19. Jahrhundert Ärzten zunehmend die Möglichkeit, Vibratoren für die Behandlung zu nutzen.

Aber wer oder was auch immer dafür zuständig war, den „hysterischen“ Patientinnen die medizinisch gebotenen Entspannungszustände zu verschaffen, es war ein lukratives Geschäft. So schätzte eine 1873 veröffentlichte weibliche Gesundheitsstatistik, dass etwa 75% der amerikanischen Frauen gegen Hysterie behandelt wurden. Ein einträglicherer Markt lässt sich kaum vorstellen. Kein Wunder also, dass dieses medizinische Monopol auch dadurch geschützt wurde, dass es Frauen - und natürlich erst recht Mädchen - strengstens verboten war, zu masturbieren und dadurch das Risiko zahlreicher Krankheiten bis hin zur Erblindung einzugehen.

Und so erstaunt es sicher auch nicht, dass es gemäß der ärztlichen Diagnosen bei dieser gesellschaftlich akzeptierten Behandlung am weiblichen Unterleib um Medizin und nicht etwa um Sex ging. Was seinerzeit wiederum auch plausibel war, denn es war über Jahrhunderte - und bis in die heutige Zeit hinein - allgemein anerkannt, dass die weibliche Lust nur äußerst gering ausgeprägt war. Mit der bemerkenswerten Konsequenz, dass die normal veranlagte Frau (also eine ohne nennenswerte sexuelle Bedürfnisse) ihre Orgasmen gegen ärztliches Honorar als Dienstleistung beziehen musste.

Zum Schluss noch ein Fun-Fact: Im Jahr 1902 wurde der erste Vibrator für den häuslichen Gebrauch patentiert. Er war erst das fünfte elektrische Gerät in den USA, das im eigenen Haushalt eingesetzt werden durfte.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)