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Zwei sexuelle Bedürfniswelten (Lust und Zugehörigkeit)


Sexualität soll zwei ganz unterschiedliche Bedürfniswelten befriedigen. Tut sie dies, kann das die höchste Erfüllung sein. Daraus hervorgehende Konflikte jedoch können Beziehungen bis hin zur Trennung belasten. Das schweizerische Paartherapeut Jürg Willi unterscheidet zwischen der „Sexualität der Lust“ und der „Sexualität der Zugehörigkeit“. Diese zwei Formen von Sexualität hängen seines Erachtens nicht voneinander ab, kommen in allen Kulturen vor und wirken in jedem Menschen nebeneinander.

In den folgenden Beschreibungen dieser beiden Bedürfniswelten übernehme ich hin und wieder Formulierungen von Willi, die ich durch Anführungsstriche kenntlich mache. Andere Gedanken von ihm übersetze ich in meine Sprache. Inhaltlich beruht das Meiste auf seinen Ausführungen in dem Buch „Psychologie der Liebe“.

Die Sexualität der Zugehörigkeit

 „Die Sexualität der Zugehörigkeit strebt nach Harmonie, Vertrautheit und Einswerden, sie ist eine Energie der Festigung sozialer Bindungen.“ In ihr suchen Paare Harmonie und Verschmelzung. Im Idealfall erleben sie die Trennung zwischen ihnen für einen Moment als aufgehoben. In diesen Momenten erfüllt sich eine tief sitzende (kindliche) Sehnsucht nach symbiotischer Liebe. Die Sexualität der Zugehörigkeit ist „ein bestärkendes Ritual von Vertrautheit, Vertrauen und Treue“. Sie meint den Partner als Person, als die einzig passende Ergänzung zum eigenen Selbst. In diesem Sinne vollzieht sich „in der sexuellen Vereinigung eine Idealisierung des Partners“.

Die Sexualität der Lust

Dagegen ist die Sexualität der Lust „eine Energie der Sprengung sozialer Beziehungen und Ordnungen. Sie lebt von Spannung, Aufregung und Überraschung, strebt nach intensivster Steigerung der Lust durch Verführung, Eroberung, Herausforderung und Überraschung. … Sie hat Qualitäten des Spiels, des Tanzes und des Kampfes.“

Diese Form von Sexualität soll zwei Zielen dienen: Steigerung der sexuellen Lust und Erfahrung von persönlicher Wirksamkeit im Liebesspiel. Die Luststeigerung sei dadurch gekennzeichnet, dass das gegenseitige Begehren bis an die Grenze des Schmerzes getrieben wird. Sie kenne keine Regeln und Grenzen, kein Vorher und Nachher, keine Bindung und keine Verpflichtung. Die Erfahrung der eigenen sexuellen Wirksamkeit ließe sich steigern, indem man Schwierigkeiten und Widerstände im Liebesspiel überwindet (z.B. gegen bestimmte Sexpraktiken). „Sexuelle Lust und sexuelle Wirksamkeit werden oft durch Überraschung, durch Fremdheit der Partner, durch Eifersucht, durch Brechen von Tabus und Überschreiten von Grenzen gesteigert.“ 

Da die Sexualität der Lust sich nach Willi nicht auf den Sexpartner als Person richte, ließe sich sexuelle Lust oftmals in der Anonymität steigern, auch dadurch dass man das Gegenüber nicht liebt und auch nicht lieben will, vielleicht sogar verachtet. „Sexuelle Lust und sexuelle Ausstrahlung will man erfahren in der Heftigkeit, Leidenschaft, ja Brutalität des Nehmens und Genommen-Werdens.“ In der BDSM-Szene beispielsweise geht es um das Ausleben zweier verschiedener Lust-steigernder Fantasien: der Fantasie den Partner oder die Partnerin total beherrschen zu können, und die Fantasie, sich dem Partner oder der Partnerin total auszuliefern.


Vereinbarkeit?

Zum Schluss erörtert Willi die Frage, ob die offensichtliche Unvereinbarkeit beider Bedürfniswelten überwindbar oder - im besten Fall - integrierbar ist. Er konstatiert: „Bei jedem Paar besteht um dieses Thema eine offene oder latente Spannung. Bei jedem Paar existieren Grenzmarkierungen des Zulässigen und eine Grauzone des mehr oder weniger Geduldeten.“ Eine Lösung dieses Konflikts innerhalb einer dauerhaften Beziehung sieht er nicht, allenfalls als „Nebeneinander von Ehebeziehung und sexuellen Außenbeziehungen“. Dies widerspreche jedoch dem heutigen romantischen Liebesideal, was sich damit weit von früheren Zeiten entfernt habe, in denen Ehe und leidenschaftliche Liebe als unvereinbar gegolten hätten.

Jürg Willi spricht mit seiner Unterscheidung zwischen der Sexualität der Lust und der Zugehörigkeit zwei verschiedene Qualitäten von Sex an, die die meisten Leser wohl bereits beide in ihrem Leben erfahren haben. In aller Regel ist die Sexualität der Lust in der Phase der Verliebtheit zu erleben, in der zumeist eine große Offenheit herrscht und Tabus - nicht zuletzt aus Neugier - am leichtesten zu überwinden sind. Oder bei Affären, die an sich schon das Element der Sprengung von Grenzen und Regeln in sich tragen. Die Widerstände überwinden müssen, schon allein weil sie im Geheimen stattfinden.

Wenn diese beiden sexuellen Bedürfniswelten aber so inkompatibel sind, was bedeutet dies dann für die Vereinbarkeit von Sex und Liebe? Und welche Auswirkungen hat dies auf die Sexualität in einer Partnerschaft?

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)