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Sex, Lust und Liebe


Wie hängen sexuelle Lust und Liebe zusammen? Wie beeinflussen sie einander? Macht Sex eine Liebesbeziehung schöner oder komplizierter? Bringt sie eher Glück und Zufriedenheit in die Partnerschaft oder Leid und Unzufriedenheit?

Wir sind es gewohnt Sex und Liebe zusammen zu denken - zumindest in einer partnerschaftlichen Beziehung. Im Sinne von: wo Liebe ist, ist auch Sex. Gilt es genauso andersherum? Also, wo Sex ist, ist auch Liebe? Eine Befragung von Menschen auf der Straße würde wohl zum Ergebnis führen, dass man diese Gleichsetzung für Frauen vielleicht bejahen, aber für Männer eher verneinen würde. Denn denken wir an käuflichen Sex, setzen wir ihn wohl nicht mit Liebe gleich. Und da auf 100 weibliche Prostituierte maximal ein „Loverboy“ kommt, spricht zumindest dies dafür, dass Frauen eher eine emotionale Verbindung zum Sexpartner brauchen als Männer. (Inwiefern das eher ein natürliches oder ein kulturelles Phänomen ist, wird in den nächsten Kapiteln noch untersucht.)

Schon vor 100 Jahren widmete sich Freud dem Zusammenspiel von Sex und Liebe. Allerdings tat er dies (der damaligen Zeit entsprechend) ausschließlich aus der Perspektive des Mannes. Er kam zu dem Schluss, dass beides nur schwer miteinander vereinbar sei. Der Grund dafür liege darin, dass der Mann seine volle sexuelle Potenz nur dann entfalte, wenn in die „Beziehung zum Sexualobjekt auch perverse Komponenten eingehen“. Damit meint er insbesondere Facetten der Dominanz und Unterwerfung, die keinen Platz fänden in einer auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt gründenden Liebesbeziehung. Ebenso, befand Freud, steigere es die Libido des Mannes, wenn er Hindernisse überwinden müsse. „Wo die natürlichen Widerstände gegen die Befriedigung nicht ausreichen, haben die Menschen zu allen Zeiten konventionelle eingeschaltet, um die Liebe genießen zu können.“ 

Die Sexualtherapeutin Angelika Eck schrieb kürzlich (also ein Jahrhundert später) in ihrer ZeitOnline-Kolumne: „Immer wieder kommt es vor, dass Fantasien ihre Besitzer irritieren. Das liegt an der widersprüchlichen Natur der Erotik. Der amerikanische Psychoanalytiker Robert Stoller ging so weit zu behaupten: "No bad, no excitement." Er ist nicht der Einzige, der meint, dass erotische Spannung oft nicht aus dem Stoff unserer alltagstauglichen Wertvorstellungen, aus Liebe und Rücksichtnahme, aus politischer Korrektheit und Partnerverbundenheit gemacht ist. Sondern aus Konflikt, aus starken Reizen, mitunter feindseligen Elementen und aus Verbotenem.“

Ähnliche Gedanken finden sich auch bei Jürg Willi in seinen Betrachtungen zur "Sexualität der Lust", die oft „als ein aggressives Spiel inszeniert“ werde. In diesem würden sich die beiden Geschlechter ausgesprochen unterschiedlich verhalten. Frauen würden eine Form von Verführung bevorzugen „mit Locken und Abstoßen, sich anbieten und wieder abwenden“. Männern dagegen versuchten mit körperlicher Kraft zu imponieren, weiterhin „mit brillanter Intelligenz, aggressivem Humor und Waghalsigkeit. Sie möchten sich bestätigen in ihrer Fähigkeit, jene Frau für sich einzunehmen, die auch auf andere Männer sexuelle Attraktivität ausübt.“

Alles Archaische schlummert also weiter in uns. Nur Einstellungen zur und Sichtweisen auf Sexualität haben sich zwischenzeitlich gewandelt. In der Regel ist unsere heutige Vorstellung von Partnerschaft, dass zwei Menschen einander sowohl lieben als auch Lust aufeinander haben. Dazu hat auch die Filmmaschinerie Hollywoods über Jahrzehnte ihren Beitrag geleistet. Jede romantische Komödie, jedes Beziehungsdrama gründet sich auf dem, was wir als romantisches Liebesideal bezeichnen können. Doch was haben Drehbücher mit der Realität zu tun?

Betrachten wir die Entwicklung von Liebe in einer Partnerschaft einerseits und die von Sexualität andererseits jeweils als Prozess: Am Anfang ist Verliebtheit! Diese hat jedoch mit Liebe noch recht wenig zu tun. Ein aus meiner Sicht wesentlicher Aspekt von Liebe ist, gut zu kennen, was wir lieben wollen. Bezogen auf den Partner heißt das, ihn auch mit seinen kleineren und größeren Schwächen, seinen Marotten und Eigentümlichkeiten zu lieben (bzw. - wahrscheinlich häufiger - trotz dieser).

In der Verliebtheit sind wir jedoch blind dafür, da wir in dieser Phase des hormonellen Ausnahmezustands dazu neigen, all unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse auf den anderen zu projizieren. Für das, was nicht passt, sind wir entweder blind, oder wir deuten es als lang vermisste Ergänzung für die eigene Persönlichkeit. Auf dem Weg von Verliebtheit zu Liebe jedoch müssen Alltagsprobleme miteinander gemeistert, Konflikte ausgehalten und Kompromisse eingegangen werden. Dieser Kennenlern-Prozess ist u.a. gekennzeichnet durch Missverständnisse und klärende Gesprächen, durch Streits, Verletzungen und Versöhnungen. Kurz: immer wieder Entfernung, immer wieder Annäherung. Und wenn durch all dies die Verbundenheit und Vertrautheit zu einem Menschen so gewachsen ist, dass wir „Ja“ sagen können zu dem, was er ist und wie er ist, ihn auch in Momenten der Schwäche noch mit Respekt betrachten, dann meine ich, können wir von Liebe sprechen.

Doch leider zeigt die Erfahrung, dass parallel zu diesem „Aus-Verliebtheit-wird-Liebe-Prozess“ (der ja oft genug auch scheitert) Leidenschaft und Begehren in aller Regel abnehmen. Was am Anfang neu und prickelnd war, ist irgendwann gewohnt. Aus „Neugier auf“ wird ein „Gewusst wie“. Konflikte und Verletzungen haben - zumindest vorübergehend - Distanz geschaffen. Der Alltag hat Gewohnheiten, Standardabläufe, Rituale zementiert und Sex hat darin immer weniger Platz gefunden (insb. nach der Geburt von Kindern). Oft ist der Sex selbst zum Standardablauf geworden.

Möglicherweise hat die Zeit auch gezeigt, dass das, was zu Beginn als berauschende sexuelle Passung erlebt wurde, ein weiteres „Rosarote-Brille-Phänomen“ war. Was dann zu der schmerzhaften Erkenntnis führt, dass die jeweiligen sexuellen Bedürfnisse doch nur eine geringere Schnittmenge hatten als ersehnt, anderes aber unerfüllt und unbefriedigt bleibt.

Wenn also auf Basis mannigfacher Beziehungserfahrungen die Gleichung „Liebe = Sex“ weniger zutreffend ist, als die Formel „zunehmende Vertrautheit = abnehmende Leidenschaft“, was folgt daraus für den Sex in der Partnerschaft?

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)