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Die Kultur des Besitzens als Folge von Agrarwirtschaft und Sesshaftigkeit


Der Homo erectus - biologischer Vorfahre des Homo sapiens - streifte bereits vor etwa 2 Millionen Jahren in kleinen Wildbeuter-Gruppen durch Wälder und Steppen. Die Entwicklung zum Homo sapiens erfolgte vor ca. 200-300 Tausend Jahren und der Übergang zur Agrarwirtschaft lässt sich gemäß entsprechender Funde ungefähr auf 10.000 Jahre v. Chr. datieren. Das kulturelle Erbe seit der Sesshaft-Werdung des Menschen macht also zeitlich nur einen Bruchteil der Menschheitsgeschichte aus. Der Großteil unserer evolutionären Mitgift entwickelte sich in umherziehenden Kleingruppen, in denen es zu den höchsten Geboten zählte, zu teilen. Dort entwickelte sich der Gleichschritt zwischen Wachstum des Gehirns und zunehmender sozialer Interaktion. Beides wurde durch Kooperation begünstigt, nicht durch Verteidigung von Besitz.

Doch durch die sogenannte Agrarrevolution, also dem Übergang zur Sesshaftigkeit, erlangte Privatbesitz den höheren Stellenwert gegenüber Gemeinschaftseigentum. Es ist offensichtlich, dass umherziehende Gruppen den persönlichen Besitz Einzelner auf ein Minimum beschränken müssen. Mit der Niederlassung in Siedlungen erlangte nicht nur die Begründung von Eigentum eine neue Bedeutung, sondern darüber hinaus auch die genauen Begrenzungen des eigenen Landbesitzes. Jäger-und-Sammler-Gruppen gaben Riten und Bräuche weiter, in den Agrargesellschaften wurde der eigene Besitz an die nachfolgende Generation vererbt. Nahrung wurde nicht mehr erjagt und gesammelt, sondern ausgesät, geerntet und verkauft. Die landwirtschaftlichen Flächen mussten nicht nur bewässert, sondern auch gesichert und ggf. verteidigt werden.

Als die Menschen begannen, Land zu bestellen und Vieh zu halten, kam es zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Innerhalb kurzer Zeit wuchs die Bevölkerung stark. Zugleich sank die Lebensqualität. Die Gesellschaftsordnung wurde nun durch politische Hierarchien, Privatbesitz und dicht bevölkerte Siedlungen geprägt. Die sich radikal verändernden Gesellschafts-Strukturen beeinflussten auch in hohem Maße den Status von Frauen. Hatten sie in den nomadischen Gruppen noch eine gleichwertige, und mithin respektierte Rolle innegehabt, wurden sie nun zunehmend zu einem Besitzobjekt, das zusammen mit Haus, Sklaven und Vieh verteidigt werden musste. Zugleich erlangte die Vaterschaft damit eine Bedeutung, die sie zuvor nicht hatte. 

Hatten Frauen also über all die Jahrtausende zuvor einen vergleichbaren Zugang zu Nahrung, Schutz und sozialer Unterstützung wie Männer, so fanden sie sich durch den Wechsel zur Sesshaftigkeit in einer vollkommen veränderten Welt wieder. In dieser bedurften sie plötzlich einer Strategie für den Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen. Und in einer Gesellschaftsordnung, in der Männer den weitaus größten Teil dieser Ressourcen kontrollierten, bekam die Zeugung von Nachkommen ein weitaus größeres Gewicht - quasi als „Tausch-Ressource“ der Frau.

Wenn Untersuchungen auch heutzutage noch feststellen, dass bei der Partnerwahl von Frauen Geld, Macht und Status eines Mannes ein nicht unwichtiges Selektionskriterium ist, dann könnte das also mehr eine weit zurückliegende, überlebensnotwendige Verhaltensanpassung gewesen sein als ein genetisches Programm.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)