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Das Gebot der Keuschheit: Sex ist Sünde (Die kirchliche Sexualethik und ihre Folgen)


Die religiös fundierte Sexualethik ist Bestandteil der kirchlichen Morallehre. Bereits seit den frühen christlichen Theologen Anfang und Mitte des ersten Jahrtausends galt sexuelles Verlangen als ein Übel, das mit christlichen Moralvorstellungen nicht vereinbar war. Sexualität als Teil von Gottes Schöpfung konnte einzig durch die Fortpflanzung legitimiert werden, durch die sich die irritierende Plage des Sexualtriebs moralisch auffangen und erklären ließ. Der dafür zulässige Rahmen war allein die Ehe.

Dies spiegelt sich auch knapp tausend Jahre später im Denken von Thomas von Aquin wieder, einem der bekanntesten und einflussreichsten Theologen. In seinen Schriften, Mitte des 13. Jahrhunderts, ist ebenfalls die Fortpflanzung der alleinige, gottgewollte Sinn von Sexualität. In Abgrenzung dazu beschreibt er die Sünde der Lust: „Den Unkeuschen verlangt es nicht nach menschlicher Zeugung, sondern nach der Geschlechtslust, die man ohne ein Tun gewinnen kann, aus dem Zeugung eines Menschen folgt. Und gerade diese Lust wird in der Sünde wider die Natur gesucht.“

Hier wird deutlich, dass die Sexualmoral der Kirche sich schon in ihren Ursprüngen weniger aus der Bibel ableitet als vielmehr naturrechtlich begründet ist. Alles, was gegen die Natur ist, ist aus religiöser Sicht unmoralisch. Und unrein! Denn Sex macht unrein. Daher muss Sexualität begrenzt werden. Umso stärker, je wichtiger der Wert der Reinheit für ein nach christlichen Werten gelungenes Leben ist. Die moralische Verurteilung von Frauen, die sich ihrer Lust nicht schämen, hat einen unmittelbaren Bezug zum christlichen Ideal sexueller Reinheit.

Keuschheit

Ein zentraler Begriff der christlichen Morallehre ist die „Keuschheit“. Sie ist eine Tugend, die sich von der Mäßigung als Kardinaltugend ableitet. Auch Luther bezeichnete die Keuschheit als eine der Haupttugenden. Beide Konfessionen waren sich also zumindest in dieser Hinsicht einig.

Dass die Glaubenslehre der katholischen Kirche sich diesbezüglich bis heute kaum verändert hat, erschließt sich aus den folgenden Textstellen der Schrift „Menschliche Sexualität, Wahrheit und Bedeutung“, die 1995 unter dem Pontifikat von Johannes Paul II. vom apostolischen Stuhl veröffentlicht wurde:
"Die Keuschheit erfordert das Erlernen der Selbstbeherrschung, die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist. Die Alternative ist klar: entweder ist der Mensch Herr über seine Triebe und erlangt so den Frieden, oder er wird ihr Knecht und somit unglücklich. Jeder weiß, auch aus Erfahrung, dass die Keuschheit es erforderlich macht, gewisse sündhafte Gedanken, Worte und Werke von sich zu weisen … Diese Selbstbeherrschung besteht darin, dass man entweder die Gelegenheiten meidet, die zur Sünde herausfordern und verleiten, oder dass man die triebhaften Regungen der eigenen Natur zu beherrschen vermag. … Die Keuschheit ist die geistige Kraft, die die Liebe von Egoismus und Aggressivität befreit. In dem Maße, in dem die Keuschheit im Menschen nachlässt, wird seine Liebe zunehmend egoistischer, das heißt, sie ist nicht länger Selbsthingabe, sondern Befriedigung einer Lust.“

Und nochmal in aller Klarheit: „Verheiratete sind berufen, in ehelicher Keuschheit zu leben; die anderen leben keusch, wenn sie enthaltsam sind.“

Einfluss auf Liebe und Sexualität

Es ist offensichtlich, dass die Sexualität der Lust in der christlichen Sexualmoral keinen Platz hat. Da religiöse Werte und Glaubensfragen über Jahrhunderte einen gewichtigen Platz in der Erziehung einnahmen, verwundert es nicht, wenn die Verleugnung natürlicher Triebe Spuren in der Psyche hinterlässt. Alles Verbotene, Unreine muss unterdrückt oder verdrängt wird. Wo dies nicht gelingt, bleibt die Wahl zwischen Selbstgeißelung oder der Verachtung dessen, was Begehren hervorruft.

Wie schon unter „Sex und Liebe“ ausgeführt, beschrieb Freud eine Aufspaltung der männlichen Sexualität zwischen einer entgrenzten Libido gegenüber sexuell verfügbaren Frauen (wie etwa Prostituierten) und den wenig triebhaften „ehelichen Pflichten“. Gemäß den lustfeindlichen christlichen Erziehungsnormen war der Respekt, den man der Angetrauten schuldete, nicht vereinbar mit dem Wunsch nach tabuloser Leidenschaft. Da sexuelle Bedürfnisse folglich eher zu verheimlichen als zu offenbaren waren, konnte Sexualität kaum zu einem verbindenden Element in der Partnerschaft werden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte Friedrich Nietzsche in ungleich bildhafterer Sprache: „So ist es dem Christentum gelungen, aus Eros und Aphrodite - großen idealfähigen Mächten - höllische Kobolde und Truggeister zu schaffen, durch die Martern, welche es in dem Gewissen der Gläubigen bei allen geschlechtlichen Erregungen entstehen ließ. Ist es nicht schrecklich, notwendige und regelmäßige Empfindungen zu einer Quelle des inneren Elends zu machen und dergestalt das innere Elend bei jedem Menschen notwendig und regelmäßig machen zu wollen!"

Zusammenfassung und historische Einordnung

Gemäß der kirchlichen Morallehre muss Sexualität die Zeugung von Nachwuchs im Rahmen einer Ehe zum Ziel haben. Andernfalls missachtet sie die Ordnung der Natur, macht unrein, gilt als Sünde. Dazu gehören u.a. Homosexualität, Prostitution und Selbstbefriedigung, genauso wie Ehebruch, Coitus Interruptus und jede andere Form von Empfängnisverhütung. Hinzu kommt, dass nach der ersten sexuellen Verbindung jede nachfolgende ebenfalls eine Sünde ist. Damit dürften weit über 90% aller sexuellen Aktivitäten unmoralisch sein. Wie gut, dass es (bei den Katholiken) die Beichte gibt!

Trotz der religiösen Ge- und Verbote gab es über Jahrhunderte eine bejahende Einstellung zur Sexualität in weiten Teilen West- und Mitteleuropas. Schon die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts, aber noch mehr die Ausbreitung der Syphilis Anfang des 16. Jahrhundert lieferten der Kirche jedoch eine neue Drohkulisse für ihre Sexualmoral. Die knapp 200 Jahre später beginnende Epoche der Aufklärung mit ihrer Betonung der Vernunft leistete zwar einen beträchtlichen Beitrag, sich von überholten (v.a. religiösen) Vorstellungen zu lösen. Zugleich verfestigte sie jedoch patriarchale Strukturen, auch indem Frauen jedes sexuelle Verlangen abgesprochen wurde. Ihre natürlichen Bedürfnisse hatten der Liebe zu den Kindern und zum Manne zu gelten, dem sie sich unterzuordnen hatten. Für Männer hingegen galt, dass sexuelle Begierden, die in der Ehe keinen Platz hatten, woanders ausgelebt werden durften. Im Folgenden erlebte die Prostitution eine neue Blütezeit. Besonders ab dem 19. Jahrhundert, dem Zeitalter der industriellen Revolution, die viele Frauen in existenzielle Nöte trieb.

Es bedurfte eines weiteren Umbruchs, um die herrschende, christlich fundierte sowie patriarchal motivierte Sexualmoral zu zertrümmern: die sexuelle Revolution.

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.

(Antoine de Saint-Exupéry)